In Landquart ist heute das Alpenrhein Outlet Village eröffnet worden. Es soll das grösste in der Deutschschweiz sein und das erste hierzulande mit einem Dörfli-Konzept. Der Fachhandel reagiert skeptisch und auch die Kunden finden nicht unbedingt das, was sie vielleicht erwarten.
spi. Zwischen Bahnhof und Autobahn in Landquart konnte man über die letzten Monate eine enorme Bautätigkeit beobachten. Ein neues Dorf mit Häusern im Alpenstil wurde aus dem Boden gestampft – ein Dorf für Schnäppchenjäger. Am Donnerstag ist nun das Alpenrhein Outlet Village eröffnet worden, und bereits im ersten Jahr sollen 1,2 Millionen Besucher auf die 650 Meter lange Einkaufsstrasse strömen.
Heimeliges Ambiente
Erstmals wurde in der Schweiz ein Konzept verwirklicht, das bereits in anderen Ländern sehr erfolgreich ist. Outlet-Ware wird nicht mehr in gesichtslosen Einkaufszentren präsentiert, sondern im Ambiente einer heimeligen Fussgängerzone. In Italien, dem Land in dem sich Kaufhäuser nie durchsetzen konnten, beobachtet man etwa regelmässig an Sonntagnachmittagen lange Staus an den Autobahnausfahrten zu diesen Einkaufswelten, die ein bisschen an Disneyland erinnern.
In der Schweiz sind Outlet-Center bisher eher eine Randerscheinung. Branchenkenner schätzen, dass dieser Markt nicht mehr als 2 bis 3 Prozent des Gesamtumsatzes von 8 Milliarden Franken mit Bekleidung ausmacht. FoxTown bei Mendrisio bot lange Zeit die grösste Ansammlung sogenannter Factory-Stores nicht nur in der Schweiz sondern in Südeuropa. Mit dem in die Jahre gekommenen Zentrum will es das Alpenrhein Village nun aufnehmen. 180 Millionen wurden investiert. 21’000 Quadratmeter Verkaufsfläche sind gebaut. Besetzt sind zur Eröffnung aber bisher weniger als die Hälfte, nämlich 8400 Quadratmeter.
Ein Zipfel vom Luxus
In der Theorie ist das Konzept des Outlet durchaus attraktiv. Alles, was in den Boutiquen an den Luxusmeilen der Grossstädte nicht für teures Geld an den Kunden gebracht wird, wandert in den Outlet-Laden, sobald Platz für eine neue Kollektion gebraucht wird. Dort werden die Teile der vorherigen Saison dann mit Preisabschlägen von bis zu 70 Prozent verkauft und so kann sich auch der Normalverdiener einen Zipfel vom Luxus leisten.
Doch Armin Haymoz vom Verband der Textildetaillisten ist skeptisch, ob es sich bei der Ware wirklich um Rücklauf aus den regulären Läden handelt. Mindestens 80 Prozent der nicht verkauften Mode in der Schweiz würden die Fachhändler selbst in Aktionen und im Ausverkauf absetzen.
Trudi Götz, die mit ihren Trois-Pommes-Imperium die Marktführerin im Bereich der Edel-Boutiquen in der Schweiz ist, behält die Absatzkanäle selbst unter Kontrolle. Sie betreibt unter dem Namen «Vintage» mehrere eigene Outlet-Läden, in denen sie die nicht mehr ganz taufrischen Modelle aus ihren zahlreichen Geschäften feil bietet.
Aus Überproduktion
Der Sprecher des Alpenrhein Village, Reto Küng, muss denn auch zugeben, dass ein gewisser Teil der Ware direkt aus der Überproduktion der Markenanbieter kommt und gar nie zum Listenpreis im Laden lag. Auch werde die Verteilung des Rücklaufes grosser Produzenten wie etwa Nike oder Calvin Klein zentral in Europa vorgenommen. Man erhalte dann etwa im Schweizer Outlet einen Pullover, der in Schweden nicht verkauft wurde. In Landquart ein Teil zu ergattern, das kurz zuvor noch in der Auslage an der Zürcher Bahnhofstrasse lag, dürfte deshalb eher unwahrscheinlich sein.
Wer glaubt, beim Bummeln um die Dorflinde am Alpenrhein endlich seinen glamourösen Modetraum verwirklichen zu können, muss sich aber auch aus anderen Gründen auf eine Enttäuschung gefasst machen. Bisher ist keiner der ganz grossen Luxusnamen von Armani über Dolce&Gabbana bis Ralph Lauren oder Prada im Bündnerland vertreten. Bei den Marken handelt es sich vornehmlich um Anbieter im Bereich von Sport- und Freizeitmode. Für edles Tuch stehen allenfalls Strenesse oder Bogner. Es sind auch etliche Firmen zu finden, die ohnehin schon in einem günstigen Segment arbeiten, wie Bata, Companys oder MissSixty.
Warten auf Armani
Reto Küng ist aber optimistisch, dass das Angebot hochkarätiger wird. «Armani & Co warten erfahrungsgemäss ab, bis so ein Zentrum gut läuft. Deshalb müssen wir noch Platz für sie aufsparen.»
Der Vertreter der Fachhändler, Armin Haymoz, warnt aber vor unrealistischen Erwartungen. «In solchen Outlets bekommt man doch nie wirklich exklusive Teile.» Schon wegen ihrer Grösse müssten diese Schnäppchentempel das Angebot massentauglich ausrichten. Und dann blieben vor allem die sportlichen Labels. Er gibt auch noch ein weiteres Problem zu bedenken. Wenn eine Luxusmarke allzu offensiv in einer Outlet-Umgebung auftaucht, könne sie damit ihren Ruf nachhaltig schädigen. Es sei auch schon zum Boykott renommierter Fachgeschäfte gegenüber Marken gekommen, die sich im Outlet verschleuderten. Ein Outlet-Konzept sei immer eine Gratwanderung zwischen erhöhten Umsatz und Entwertung des guten Namens.
Quelle : www.nzz.ch, 26.11.2009